Der Name der Katze – und seine Tücken

Wer einen Namen für seine Katze sucht, sollte erstens ein, zwei Mythen beerdigen und zweitens weltpolitische Aspekte miteinbeziehen. Sonst kanns peinlich werden.

Es werden ja viele Märchen erzählt. Zum Beispiel darüber, dass Katzennamen immer mindestens ein «i» und ein «u» enthalten müssten und zudem nur zwei Silben haben sollten, weil die Tiere sonst nicht auf ihren Namen hören. Als ob Katzen je auf irgendetwas hören würden.

Auf menschliche Zurufe reagieren sie ja überhaupt nur, wenn sie für sich einen Vorteil darin sehen. Schlichtweg taub sind sie hingegen, wenn sie zum Beispiel im Blutrausch einer Fliege hinterherjagen und dabei das Familienporzellan vom Tisch fegen. So gesehen ist es eigentlich vollkommen schnuppe, wie man die Tierchen nennt.

Wobei: zwei, drei Dinge sollte man schon beachten.

Zum einen ist es ratsam, bei der Wahl eines Katzennamens seine Anfälligkeit für Missverständnisse in die Überlegungen miteinzubeziehen. So gerieten etwa meine Eltern in eine recht seltsame Situation, als sie vor einigen Jahren während meiner Herbstferien erstmals die beiden Kater Nr. 1 und 2 hüteten, die von ihren ersten Besitzern die schönen Namen Sahib und Omar erhalten hatten. Bis dahin war niemand auf die Idee gekommen, dass vor allem der Name Omar seine Tücken hat. Und zwar in verschiedener Hinsicht – aber ganz gewiss nicht wegen fehlender «i’s» und «u’s».

Der Kater Omar hat die Eigenschaft, bei Gewittern jeweils einen so heftigen Nervenschock zu erleiden, dass er sich gewissermassen auflöst: Er ist dann einfach – weg. Und natürlich zog während des ersten Katerhütedienstes meiner Eltern eines Abends ein Unwetter übers Land. Als sie sämtliche Fenster und Türen vor der drohenden Sturmflut verriegelt hatten, wollten sie sich vergewissern, dass es den Katzen gut geht. Nachdem sie aber die ganze Wohnung vergeblich nach Omar abgesucht hatten, kamen sie zum Schluss, dass er in Panik vom Balkon im 2. Stock gesprungen sein musste.

Um bei meiner Rückkehr nicht der Verantwortungslosigkeit bezichtigt zu werden, stapften die beiden Endsechziger also in Gummistiefeln und Pellerinen mit ihren Taschenlampen durch den apokalyptischen Sturm und riefen «Omar! Omar!» (als ob Katzen auf ihre Namen hören würden…). Irgendwann fiel ihnen auf, dass vor dem Regen fliehende Passanten bei aller Eile doch die Zeit fanden, sie befremdet anzustarren.

Meine Eltern wissen bis heute nicht mit Sicherheit, wessen sie verdächtigt wurden: Entweder dachten die Leute offenbar, meine Eltern hielten gewaltbereite Fundamentalisten im Garten versteckt – es war immerhin der Oktober 2001, also wenige Wochen nach 9/11. Oder aber man dachte, meine Eltern hätten die «Oma» in den Büschen vergessen.

Omar hat das Gewitter übrigens unbeschadet überstanden: Er hatte sich tarntechnisch klug in den Tiefen eines Badezimmerschranks zwischen den Handtüchern zusammenfaltet und liess völlig entkräftet eine Pfote daraus hervorhängen, als meine Eltern durchnässt aus dem Garten zurückkehrten.

Autor: Iwon Blum, 14. Mai 2009, beobachter.ch


Die Benennung einer Katze ist also eine komplexere Aufgabe als man vielleicht denkt. Das zeigte sich auch, als ich Katze Nr. 4 und 5 umtaufen wollte: Katzennamen und ihre Tücken, Teil II.