Kriminelle Energie trifft treulose Tomate

Wie die Nachbarskatze quasi entführt wurde und warum das wiedermal typisch Katze ist – die erschütternde Begegnung mit einer Katzendiebin.

Sie kochte vor Wut: «Diese ***, der dreh ich den Hals um!» Meine Freundin Elli (Namen aller Betroffenen geändert) ist normalerweise ein recht besonnener Mensch, der eher selten Mordgedanken hegt. Da ich sie nicht fragend anschauen konnte, zumal sie sich gerade im schönen Bündnerland in ihrem Ferienhäuschen befand, blickte ich stattdessen fragend auf den Telefonhörer in meiner Hand:

«Wen meinst du denn?»
«Meine Nachbarin gegenüber im dritten Stock – die spannt mir Mikesch aus.»

Mikesch ist Ellis zehnjähriger Kater, den ich als Fast-Nachbarin während ihrer Abwesenheit hüten sollte. Anlass meines besorgten Anrufs war denn auch, dass ich das Tier seit Antritt meines Dienstes vor zwei Tagen nicht zu Gesicht bekommen hatte und das Futter jeweils unberührt geblieben war.

«Woher weisst du denn, dass sie ihn hat?»
«Weil das schon seit Wochen so geht. Sie schickt mir immer SMS, wie wohl sich Mikesch bei ihr fühle. Sie rief mich auch schon mal an, um mir mitzuteilen, sie kümmere sich jetzt um den Kater, da ich ja ‹offensichtlich zu wenig Zeit› für ihn habe.»
«Und was hast du gemacht?»
«Ich hab ihr gesagt, sie soll den Kater rauslassen, sonst hole ich die Polizei.»
«Und sie hat ihn rausgelassen?»
«Naja, manchmal war er dann wieder da, dann wieder tagelang nicht. Sie behauptet, er komme freiwillig immer wieder zu ihr.»
Durch die verschlossene Tür eines Mehrfamilienhauses? «Und wie macht er das?»
«Eben: Da stimmt doch was nicht.»
«Soll ich mal rübergehen?»

Ich gehe also todesmutig auf die andere Strassenseite und klingle bei der mutmasslichen Katzendiebin. Etwas nervös bin ich schon. Nachdem ich mich durch die Gegensprechanlage als Mikeschs Catsitterin identifiziert und gefragt habe, ob der Kater da sei und ich ihn bitte sehen könne, werde ich ohne Weiteres eingelassen. Ich hatte doch etwas mehr Widerstand erwartet.

Ihre Wohnungstür steht weit offen. Als ich eintrete, achte ich darauf, dass das so bleibt. Wenn Mikesch nicht irgendwo angekettet ist, könnte er jetzt fliehen. Doch als ich ins Wohnzimmer komme, liegt der Entführte friedlich dösend auf dem Sofa und blickt nur kurz auf, wer stört. Ich nicke ihm zu und begrüsse ihn mit einem stummen «du treulose Tomate», woraufhin er wieder einschläft.

«Hat Elli Sie geschickt?», fragt die Entführerin, «die hat mich ja immer gleich im Verdacht.» Naja, was Wunder: offensichtlich zu Recht. Ich versuche, das Gespräch auf das eigentliche Thema zu lenken: «Sie können doch nicht einfach eine fremde Katze bei sich aufnehmen.»
Sie – echt verdutzt: «Wieso nicht?»
Ich – nicht minder perplex: «Weil sie nicht Ihnen gehört?»
Da braust sie auf: «Immer dieses kapitalistische Besitzdenken! Was soll denn das heissen: Mikesch ‹gehört› mir nicht?»

Damit habe ich jetzt irgendwie nicht gerechnet. Bevor ich mich komplett in meiner Verblüffung verheddere, versuche ich es damit: «Naja, das heisst, dass er nicht Ihr Kater ist und Sie somit nicht berechtigt sind, ihn seiner rechtmässigen Besitzerin vorzuenthalten.» Das war doch deutlich.

Aber nö:

«Das hat Elli auch schon gesagt – sie sprach gar von ‹Diebstahl›. Als ob ein Lebewesen irgendjemandem gehören könnte. Wissen Sie, warum diese Welt so kaputt ist?»

Ich bin gespannt.

«Weil die Leute immer nur in Dimensionen des Eigentums denken. Dabei geht es doch um Liebe, um Fürsorge, ums Miteinander!»

Mein gesunder Menschenverstand ist so geschockt, dass er aus dem Fenster springt. Was mir bleibt, ist der Versuch, feinfühlig zu sein: «Äh ja, genau, sehr schön: Liebe. Elli liebt dieses Tier. Können Sie sich vorstellen, was Sie ihr antun, indem Sie ihr die Katze vorenthalten?» Ha! Mit den eigenen Waffen geschlagen.

«Aber Elli ist doch gar nicht da», kommt es kaltschnäuzig von gegenüber. Eigentlich bin ich ja gegen Gewalt, aber manchmal… «Das tut hier nichts zu Sache. Sie haben den Kater ja nicht nur bei sich, wenn Elli im Urlaub ist – und vor allem haben Sie ihn ohne ihre Erlaubnis hier», gebe ich zu bedenken. Trotzig erwidert sie: «Ich kümmere mich ja nur um ihn, weil er das unbedingt will. Er kommt doch immer zu mir.»

Mikesch ist inzwischen aufgestanden und streicht mir um die Beine. «Fremdgeher!», zische ich ihn tonlos an. «Und wie viel rohes Fleisch und Crevetten mussten Sie investieren, bis der Kater ‹immer wieder kam› – in Ihre Wohnung im dritten Stock?», frage ich verbissen freundlich.

Wahrlich: Wer Treue für eins der obersten Gebote hält, wird an Katzen verzweifeln. Wo es ihnen gut geht, dort bleiben sie – und wenn es ihnen woanders ebenfalls gut geht, dann nehmen sie das auch mit. Sie sind halt praktisch veranlagt. Trotzdem zeugt es von krimineller Energie, diese kleine Charakterschwäche auszunutzen und sich dann auch noch als Katzenversteherin aufzuspielen.

Mikesch hat die Wohnung inzwischen verlassen. Und immerhin wurde er hier offensichtlich nicht im eigentlichen Sinne festgehalten – das sicherzustellen war meine Mission. Als ich mich von der Nachbarin verabschiede, sagt sie noch: «Ich meine es doch nur gut!»

Ich spüre meine Contenance zerbröseln: «Ich glaube, Sie kriegen da etwas ganz Wichtiges nicht mit: Was Sie tun, ist falsch. Sie versuchen, diesen Kater seiner Halterin wegzunehmen. Zu Ihrer Orientierung: Ginge es hier um meine Katze, spielten Sie mit Ihrem Leben.» Instinktiv weicht die Katzendiebin einen Schritt zurück.

Nachdem auch Elli nochmal mit der Nachbarin gesprochen hatte, zeigte sich diese für einige Wochen einsichtig: Immerhin schien sie Mikesch nicht mehr zu füttern, so dass er wieder regelmässig nach Hause kam – in «sein» Zuhause, wohlgemerkt. Doch nun ist er erneut oft tagelang verschwunden. Ich habe Elli geraten, die Frau anzuzeigen – vielleicht würde das zumindest ein gewisses Unrechtsbewusstsein herstellen. Doch Elli scheut sich – was, wenn die Nachbarin dann erst recht austickt?

Autor: Iwon Blum, 02. Sep 2009, beobachter.ch


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