Orientierungssinn: Verfahrene Klischees

«Strassenkarte? Hatten wir. Bis ich sie aus dem Fenster geworfen habe, nachdem mein Liebster zum wiederholten Male über das defizitäre räumliche Vorstellungsvermögen von Frauen referiert hatte.»

Ungläubiges Entsetzen erfasst sie, als ihnen klar wird, dass es kein Entkommen gibt – sie versuchen, mit dem Auto zu fliehen, doch welche Abzweigung sie auch wählen, sie landen immer an derselben Kleinstadtkreuzung. So ergeht es den Protagonisten in einem amerikanischen Horrorfilm. Soweit ich mich erinnere, werden sie am Ende gefressen. Oder rituell geopfert? Auf jeden Fall werden sie sehr schlecht behandelt.

Solcherlei Überlegungen nachhängend, schrecke ich auf, als mein Partner neben mir im Auto plötzlich fragt: «An dieser Kreuzung waren wir doch schon mal?» «M-hm», bestätige ich und denke: Können wir jetzt bitte endlich irgendjemanden nach dem Weg fragen?

Es war eine lange Fahrt, seit drei Stunden sind wir in Bulgarien im Umland der Hauptstadt Sofia, davon verbrachten wir die meiste Zeit an dieser Kreuzung. Strassenkarte? Hatten wir. Bis ich sie aus dem Fenster geworfen habe, nachdem mein Liebster zum wiederholten Male über das defizitäre räumliche Vorstellungsvermögen von Frauen referiert und damit begründet hatte, warum er nicht auf mich hört, wenn ich ihm sage, wie er gemäss Karte fahren muss.

Navigationssystem? «Brauchen wir nicht», hatte mein Weggefährte gesagt, «du hast ja mich.»

Männlicher Orientierungssinn. «Der ist uns einfach angeboren. Als wir in der Urzeit Säbelzahntiger jagten, konnten wir schliesslich auch niemanden nach dem Weg fragen.» Säbelzahntiger? Wir jagen im Moment nur ein kleines Hotel in einem Vorort von Sofia. Das kann nicht mal weglaufen.

Wir stehen jetzt zum siebten Mal an «unserer» Kreuzung. Ich bin nur ungern hinterhältig, doch auch eine Frau muss tun, was sie tun muss: «Ich muss dringend mal – hältst du bitte beim nächsten Restaurant kurz an?» Während er im Auto wartet, mache ich mich im Lokal kundig, wo wir dieses vermaledeite Hotel finden. Weiter die Strasse runter, an der nächsten Gabelung rechts und dann bei der Kirche in die kleine Seitenstrasse. So simpel.

Nun muss ich mein Wissen nur noch an den Mann bringen. Bei der nächsten Strassengabelung bestehe ich also darauf, dass er links abbiegt – und es funktioniert: Er ist der Grosswildjäger, ich bin die mit dem verkrüppelten räumlichen Vorstellungsvermögen, folgerichtig bevorzugt er rechts. Wenig später stehen wir vor dem Hotel. Er: «Na? Ich habs dir doch gesagt.»

Sein Glück, dass wir weder Urzeitmenschen noch Figuren in einem Horrorfilm sind – bei seinem Orientierungssinn hätten ihn irgendwelche Raubtiere oder Zombies längst gefressen. Und ich hätte mitnichten versucht, sie daran zu hindern.

Autor: Iwon Blum, 17. September 2008, Beobachter 19/2008