Superhelden im Fellkostüm

Wenn sich eine Katze befremdlich benimmt, kann es sein, dass sie einem gerade das Leben rettet. Oder zumindest den rechten Fuss.

Zuerst fand ich das putzig: Meine Katze Shakti schmiss sich auf den Boden, rollte über den Parkett und gurrte.

Es gibt Katzen, die dauernd niedliche Dinge tun. Wie mein Kater Sahib, der öfter mal im Schlaf vom Sofa rutscht und dann einfach rücklings auf dem Boden weiterschnarcht.

Ganz anders Shakti: Sie ist nie «niedlich», sie rutscht nirgends runter und schmeisst sich nirgendwohin – dieses noble Tier geruht sich bei einem Anflug von Ermattung jeweils dergestalt zu drapieren, dass es jederzeit sehr dekorativ aussieht. Typ Greta Garbo.

Während sich ihr Gurren zu einem kehligen Miauen auswuchs, robbte die Garbo nun über den Boden, wickelte sich lasziv in den Teppich ein, um dann darunter hervorzuschiessen und sich blind vor Liebe auf Kater Omar zu werfen. Omar sah hilfesuchend zu mir, doch ich war gerade damit beschäftigt, in Shaktis Dokumenten nachzuschauen, ob unter «kastriert» wirklich ein Kreuzchen zu finden war, zumal sie erst vor ein paar Wochen aus Spanien angekommen war, und es konnte ja sein… Da war das Kreuzchen. Rolligkeit war als Erklärung also ausgeschlossen.

Nach 24 Stunden ohne Miau-Pause schlief Shakti endlich ein. Meine beiden Kater kamen vorsichtig unter dem Sofa hervorgekrochen, und auch ich atmete auf. Ich erklärte mir Shaktis Zustand damit, dass sich all dies zur Weihnachtszeit begab und diese heiligen Feiertage auf manche Wesen nunmal eine seltsame Wirkung haben. Nach zwei Stunden wachte Shakti auf, rollte sehr unchristlich auf dem Boden herum und miaute in einer Frequenz, die direkt aus der Hölle zu kommen schien. Ich überlegte, einen Exorzisten hinzuzuziehen, versuchte aber stattdessen, sie müde zu streicheln. Müde zu spielen. Müde zu füttern. Weil das alles nichts half, probierte ich es mit strengen Blicken und mahnenden Worten. Sie versuchte derweil, meinen Fuss zu bespringen.

Nach der fünften schlaflosen Nacht stand ich kurz davor, meine geliebte, aber laute Katze zu ermorden – nur für ein paar Stunden, einfach um mal wieder zu schlafen. Mittlerweile war der 30. Dezember. Eigentlich war ich für Silvester in einer kleinen Berghütte verabredet. Ich hatte mich sehr darauf gefreut: Berge, Schnee, Abgeschiedenheit – und vor allem: Ruhe. Doch wer sollte diesen kleinen Brüllaffen hüten? Ich rief also meine Freunde an und sagte ab. Während ich telefonierte, hielt Shakti kurz inne und sah mich vielsagend an.

Als ich nach der sechsten Nacht aufwachte, stellte ich verdutzt fest, dass ich ganz wunderbar geschlafen hatte. Ich machte mir sofort Sorgen, dass ich Shakti womöglich nachts im Wahn erdrosselt hatte. Doch sie rollte fidel über den Boden, wenngleich nur noch zart gurrend. Es schien mir gar, als ob sie lächelte.

Am nächsten Tag schreckte ich frühmorgens auf, weil mich grauenhafte Schmerzen im rechten Fuss plagten – jetzt war ich es, die brüllte. Ich hatte mir vor einigen Tagen etwas eingetreten und das nicht ernst genommen. In einer Zürcher Notfallpraxis konnte an jenem 1. Januarmorgen eine Blutvergiftung gerade noch abgewendet werden. Der Fall war für mich klar: Shakti allein war es zu verdanken, dass ich nicht irgendwo eingeschneit im hintersten Winkel der Bündner Berge festsass und qualvoll verendete.

Supercat-movie
Brisantes Filmdokument: Superheldin Shakti heimlich im Einsatz gefilmt – die Szene ist nicht gestellt!

Als ich in meinem Bekanntenkreis herumerzählte, wie Shakti mein Leben gerettet hatte, wussten viele davon zu berichten, dass Katzen mitunter durch völlig ätzendes Verhalten grosses Übel von ihren Besitzern abwenden. Ich liebte meine Katze mehr denn je – sie war meine kleine Heldin, die aufgrund übernatürlicher Fähigkeiten die Gefahr erkannt und sich ihr – leider im wörtlichen Sinne – mit Geschrei entgegengeworfen hatte. Catwoman! Jetzt war alles gut.

Wie naiv von mir.

Anfang Februar wurde Shakti erneut rollig. Wieder eine schlaflose Woche. Es stellte sich heraus, dass sich irgendein Tierarzt in Spanien beim Ausstellen ihrer Unterlagen vertan hatte, diese Katze nicht die Bohne kastriert war und folgerichtig alle paar Wochen in hormonelles Toben verfiel.

Doch nur kleinliche Menschen würden diese ernüchternde Erklärung zum Anlass nehmen, Shaktis damaligen sechsten Sinn zu entmystifizieren und grundsätzlich an den Superhelden-Qualitäten von Katzen zu zweifeln. Sehr, sehr kleinliche Menschen würden so etwas tun.

Autor: Iwon Blum, 13. Jul 2009, beobachter.ch


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