Ein Gemetzel zum Feierabend

Welch blutige Überraschung einem fünf Katzen bereiten können, wenn man abends arglos nach Hause kommt, und warum man Freude nicht immer teilen muss, um sie doppelt zu empfinden.

Zuerst der Schock: überall Blut auf dem Wohnzimmerboden. Doch schnell erkannte ich, dass das Blut zu den Federn auf dem Parkett gehörte. Der Vogel, der beides verloren hatte, befand sich in der Schnauze meiner Katze Shakti, die mich ertappt anstarrte. Shakti ihrerseits war umzingelt von vier weiteren Raubtieren, die jede Unaufmerksamkeit ihrerseits sofort ausnützen würden, um ihr die Beute abzujagen. Das war der Anblick, der sich mir bot, als ich meine Wohnung betrat. Für einen Augenblick standen Zeit und Raum still. Keiner rührte sich. Dann machte ich den ersten Schritt.

Ich hatte mal gehört, dass man Katzen, die gerade etwas erlegt haben, nicht tadeln soll.

Erstens würde es genau gar nichts nützen.

Zweitens könne angeblich in einer solch sensiblen Situation das Vertrauen der gemassregelten Katze zum schimpfenden Menschen nachhaltig beschädigt werden.

Das Blutbad in meiner Wohnung einfach zu ignorieren, schien mir aber auch keine angemessene Reaktion. Ich entschied mich also dafür, Shakti mein Verständnis für die blutrünstige Seite ihrer Persönlichkeit zu signalisieren und nickte ihr anerkennend zu. Tatsächlich liess sie mich dann so nah an sich heran, dass ich bei ihrem Opfer kurz nach dem Puls tasten konnte – aber da war nichts mehr zu wollen. Also sagte ich mir: «Prima, eine Tüte Katzenfutter gespart», tätschelte ihr das Köpfchen und begann mit den Aufräumarbeiten.

Shakti jedoch war offenbar so verdattert über ausbleibende Vorwürfe, dass ihr das Maul aufklappte. Und herausfiel: ein Vogel.
Die schnellste war die gehbehinderte Lucie. Sie schnappte sich das tote Geflügel und verschwand damit in einer Ecke des Wohnzimmers. Aber nicht, um es zu fressen. Sie erlegte es gleich nochmal: Mindestens eine halbe Stunde lang warf sie den toten Spatz in schierer Tobsucht hin und her, als hätte sie einen Adler zur Strecke zu bringen.

Die anderen vier Katzen und ich guckten sie an, dann uns gegenseitig, dann wieder sie und zuckten schliesslich mit den Schultern: Es wäre für Shakti zwar ein Leichtes gewesen, Lucie den Kadaver wieder abzunehmen, doch wir waren stillschweigend übereingekommen, der Kleinen den Spass zu lassen – immerhin wird sie mit ihrer Behinderung wohl nie selber einen Vogel vom Terrassengeländer fischen.

Das Ganze tat mir für den armen Spatz natürlich furchtbar leid. Und für mich ein bisschen, die ich seine Überreste aufputzen musste. Aber es rührte mich zu sehen, dass Katzen offensichtlich Mitgefühl haben – wenn auch nicht mit Vögeln, so doch mit behinderten Artgenossen. Lucie jedenfalls liess von «ihrem» Opfer nur den Schnabel und ein Bein übrig.

Und dann platzte sie fast vor Glück.

Autor: Iwon Blum, 03. Jun 2009, beobachter.ch


Warum man keine Tattoos braucht, wenn man Katzen hat.